Tag 13 & 14: Die Avantgarde eines neuen Zeitalters

Der neue Tag beginnt schon viel freundlicher. Nach einem ausgiebigen Frühstück geht es wieder motiviert ans Werk. Das gestaltet sich aber zunächst recht frustrierend und gipfelt darin, dass wir das erste Mal mit Bettlern verwechselt werden – die angebotenen 50 Cent lehnen wir ab. Immerhin laden uns die Leute vom serbischen ADAC von gestern zur gemütlichen Mittagspause ein.

Dann hält Dejan für uns an. Zwar ist sein Elektroanschluss defekt und seine Polster voller Zement, aber wir sind natürlich dabei. Bedenken bekommen wir beim nicht funktionierenden Tacho. Sowie Tank- und Temperaturanzeige. Naja, letzteres Problem lösen wir einfach durch regelmäßiges Anhalten und Motorkühlen. Dejan liest noch seine Bekannte Jana auf und bietet an, uns zunächst zu seiner Pension im kleinen Bergdorf Rtanj zu bringen, bevor es dann morgen weiter nach Niš geht. Das klingt doch nicht schlecht!

Dort angekommen begrüßt uns Pavel, das spirituelle Zentrum des Dorfes. Wir und unsere Reisemethode seien die Avantgarde eines neuen Zeitalters, die zwei Zeugen des Umbruchs, die neue, bessere Menschenrasse. Bald sitzen alle zusammen bei selbstgebranntem Schnaps. Pavel legt die Tarotkarten und wir erfahren unsere Zukunft. So wird Georgs große Liebe weltlich, materialistisch aber ohne tiefen Verstand des Universums, sprich mit großen Brüsten und kleinem Hirn. Christians Lebenssinn wiederum liegt in der Dreifaltigkeit von Wissensdrang, wahrem Reichtum und Vorbereitung auf den Tod. Im Raum ist dagegen eher die Dreifaltigkeit von Rauch, Raki und Rotwein zu spüren. Die Luft ist mittlerweile so durchsichtig wie die Vorhersagen. Selbst Jana, ausgewiesene Nichtraucherin, hat gerade eine ganze Packung Zigaretten vernichtet. Sie steht in ihrem Leben an einem Scheideweg und ersucht das Tarot-Orakel um Rat für diese richtungsweisende Entscheidung. Die Karten raten ihr die Rückkehr nach Montenegro zu ihrem aufbrausenden Exfreund.

Am nächsten Morgen werden wir nicht weniger gut versorgt als am Tag zuvor. Das Frühstück ist reichlich und frisch. Der hoffnungslos überfressene Georg erkundigt sich naiverweise nach den Zutaten für eben verspeisten Auflauf und bekommt trotz lauten Protests zwei weitere Portionen vorgesetzt. Da muss er jetzt wohl durch. Beim Mittagessen wird sich zeigen, dass er nichts aus seinem Fehler gelernt hat.

Für die Weiterfahrt füllen wir unsere Kanister an der Quelle mit dem besten Wasser der Region auf und laben uns spirituell an einer Energiequelle. Auf dem Weg dahin lernen wir die 4-jährige Angela kennen, deren beide Eltern sie verlassen haben. Ihre neue Familie ist jetzt die Dorfgemeinschaft.

Der Abschied ist sehr herzlich und wir wünschen uns, hier noch einmal vorbeizukommen. Für Abschiedstränen sind wir nicht genügend hydriert, da die Kombination aus kurvenreicher und dynamischer Fahrt uns den Angstschweiß auf die Stirn treibt. Dejans erfreuter Ausruf über ein entgegenkommendes Auto in einer engen Kurve – „Ha, I scared the shit out of him!“ – bestätigt uns zumindest, dass wir den Wohnwagen noch nicht verloren haben. An einer Tankstelle in Niš finden wir unsere Polaroid-Kamera noch auf Dejans Autodach liegend. Physikalisch ist das nicht zu erklären, vielleicht sind wir tatsächlich die Vorboten einer neuen Zeit.

Nachdem der Wohnanhänger auf einer Tankstelle hinter Niš abgestellt ist, lassen wir den Abend bei Bier, serbischen Würsten und Zigaretten mit Nichtraucherin Jana ausklingen. Nach einer ausführlichen Diskussion ihrer Zukunftsoptionen, die ein thailändisches Bordell, Rasierklingen und Pingpongbälle einschließen, folgen wir Janas Einladung und werden erneut Zeuge serbischer Gastfreundschaft.

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Tag 11 & 12: Das Land von Milch und Honig

Nikola hat sein Versprechen eingelöst! Noch vor der vereinbarten Zeit – gähnend legen wir gerade das Bettdeck zusammen – taucht Nikolas Fahrer auf und kuppelt uns an. Schaulustig hat sich auch ein Taxifahrer eingefunden, den wir gestern kennengelernt haben. Er ist nur gekommen, um uns nochmal zu sehen. Wir fühlen uns geehrt. Und überglücklich, endlich vom Fleck zu kommen.

Unser Fahrer spricht leider kein Wort Deutsch oder Englisch und so kennt er jetzt vermutlich unsere, wir aber nicht seinen Namen. Die Fahrt ist also sehr ruhig, gar nicht so unangenehm am frühen Morgen. Es gelingt uns schließlich herauszufinden, wo uns der namenloser Fahrer absetzen wird. Die Raststätte ist klein und weder an der Tankstelle noch im Restaurant funktionieren die Toiletten. So muss ein Wasserhahn am Rand der Raststätte für die Morgendusche herhalten.

Heute scheint unser Erfolg mitgenommen zu werden weniger stark von unseren Werbeaktivitäten abzuhängen als noch zuvor. Der Fahrer des Autos direkt neben uns, dessen Anhängerkupplung wir schon länger sabbernd betrachten, spricht uns in gebrochenem Deutsch an. Er arbeitet für das serbische ADAC-Äquivalent und kann uns zwei Raststätten weiter bringen.

Die nächste Raststätte ist viel größer, aber ebenso wenig stark frequentiert. Unsere neue Taktik hoher Inaktivität geht wieder auf: Goran erkundigt sich zunächst beim Tankwart über uns und bringt uns dann zu einer OMV-Tankstelle 50 km weiter.

Mehrfach in den letzten Tagen haben wir den serbischen Pro-Tipp erhalten, uns auf OMV-Tankstellen absetzen zu lassen. Ausländer auf der Durchreise würden diese gegenüber denen des einheimischen Anbieters NIS bevorzugen. Ob das zu unserem Vorteil ist, wird sich noch zeigen,
denn die Autos der Reisenden sind meist brechend voll.

Wie überall stoßen wir auch hier auf Begeisterung und kommen regelmäßig ins Gespräch. Nemanja, ein serbischer Webentwickler, ist überenthusiastisch und überlegt, wie er uns trotz fehlender Anhängerkupplung mitnehmen könnte. Wir mögen die Idee, die Abschleppvorrichtung seines Autos zu verwenden, eine leicht dezentral angebrachte Öse für ein Abschleppseil. Wir mögen allerdings auch unseren Wohnwagen und lehnen sein Angebot dankend ab. Vielleicht nehmen wir ein weiteres Angebot, ihn in der nächsten Stadt zu besuchen, ja noch an. Er versorgt uns noch mit Merchandise seiner Firma und fährt dann traurig weiter.

Das Warten verkürzen wir uns mit „Father Brown“-Hörspielen. Die externen Lautsprecher müssen wir dabei auf Maximum stellen, weil nah bei uns stehende Kühllaster ihre Generatoren volle Pulle laufen lassen. Trotzdem ist es hier alles in allem leiser als auf anderen Raststätten, dank größerer Entfernung zur Autobahn. Auch ansonsten ist es die OMV-Raststätte, an der Milch und Honig fließen: eine saubere, kostenlose Dusche, ordentliche Toiletten und ein klimatisiertes Bistro. Wir wollen hier gar nicht mehr weg! Das gelingt uns auch praktischerweise, die Dusche könnte Einfluss darauf gehabt haben.

Am nächsten Morgen ist der Himmel grau. Darüber sind wir nach den vergangenen Tagen in der prallen Sonne wirklich dankbar. Es kühlt weiter ab, als ein Gewitter aufzieht. Während die ersten Blitze über den Himmel zucken, googlen wir hektisch die Leitfähigkeit von Aluminium. Sie ist sehr hoch, aber nicht so hoch wie unsere Faulheit – die Fahnenstange bleibt draußen.

Am Nachmittag treffen wir einen weiteren Tramper: Ivan ist in die gleiche Richtung unterwegs und gestern in Chamonix gestartet – das Leben könnte so einfach sein ohne Wohnwagen! Bei einem Bier tauschen wir uns über unsere Erfahrungen aus. Dabei hält Georg auch für Ivan den Daumen heraus – das Bier noch in der anderen Hand. Bereits Auto Nummer drei hält an – natürlich gibt’s keine Anhängerkupplung. Schwupps ist Ivan wieder weg. Ja, das Leben könnte so einfach sein.

Als wir abends bereits gemütlich drin sitzen und schauen, wie die Schweiz Serbien vermöbelt, klopft der serbische ADAC an die Scheibe. Wo denn eigentlich unser Auto sei? Die Antwort ruft wie immer ein lautes Lachen hervor. Wenn wir irgendwas bräuchten, sollten wir einfach anrufen. Wer weiß, machen wir vielleicht noch…

Tag 9 & 10: Nikola wird’s richten

Aufgrund des gestrigen Kilometerrekords steigen wir heute hochmotiviert aus dem Bett und pinseln unser erstes multilinguales Anhalterschild mit kyrillischen Buchstaben und Anhängerkupplungs-Piktogramm. So richtig scheint das neue Konzept aber nicht aufzugehen: Obwohl alle befragten Serben das Schild für super befinden, hält niemand für uns an.

Wir sehen ein, dass wir noch ein bisschen länger in Serbien verweilen werden und beschließen uns zunächst bei der Polizei zu registrieren, wie es in diesem Land vorgeschrieben ist. Für die meisten Touristen wird dies automatisch vom Hotel übernommen, wir jedoch müssen innerhalb von 24 Stunden bei einer Polizeistation vorbeischauen. Als wir dort ankommen, weißt uns ein freundlicher, Englisch sprechender Passant den Weg zur düsteren Rezeption. Wenig sagt eindrücklicher „Willkommen in Serbien“ als der übel nach Urin riechende Gang mit kaum kontinuierlich funktionierender Deckenbeleuchtung. Dort weiß man jedoch nicht, wie man uns registrieren soll. Offenbar ist eine Autobahnraststätte kein ordinäres Domizil. Das Gespräch dreht sich bereits im Kreis, als wir beschließen, einfach das günstigste Hostel für eine Nacht zu buchen. Eine Taxifahrt und 10€ später haben wir zwei Betten, die wir jedoch nie zu Gesicht bekommen, denn als man uns hinführen will, verabschieden wir uns bereits wieder höflich.

Zurück an unserem illegalen Zweitwohnsitz geben wir nochmal alles, aber niemand mag uns mitnehmen. Obgleich wir jeden Tag reich mit Lebensmitteln beschenkt werden, finden wir immer weniger Autos, die für uns anhalten. So geht es nach einem großen Topf Guacamole ein weiteres Mal im vertrauten Schein der Tankstelle ins Bett. Ob es wohl an der ausgiebigen Katzenwäsche am Morgen lag? Wir wären ja bereit, Opfer zu bringen …

Am nächsten Tag bemerkt Nikola unsere Absichten. Zunächst ist er der Überzeugung, dass dieses Unterfangen nicht funktionieren kann, aber dann schließt er sich unserem Wartespiel an. Eine gute Stunde deutet er für uns Nummernschilder und spricht mit Fahrern – ohne Erfolg. Er hat aber noch ein Ass im Ärmel: Nach ein paar Anrufen hat er einen Trucker seines Unternehmens für den nächsten Morgen organisiert. Bis dahin sollen wir aber von Belgrad noch was sehen. Mit ihm fahren wir in die Innenstadt, essen Pizza und genießen den Ausblick auf die Donau wie schon vor zwei Jahren.

Zurück an der Raststätte sind wir von der Hoffnung auf den nächsten Tag euphorisiert und schmeißen noch einmal alles in die Waagschale. Es hilft nichts. Morgen muss Nikola es richten. Ob das klappt?

Tag 7 & 8: Vom Fahren und Gefahrenwerden

Es gibt sie, Tage wie diesen. Tage, an denen das Trampen einfach nicht gelingen will. Laut Auskunft einschlägiger Tramper-Foren sollte es in Kroatien ganz leicht gehen: Kaum zwanzig Minuten solle man warten müssen. Ungünstigerweise sind vor allem Touristen unterwegs – und die nur in Richtung Küste. Mit den Kroaten selbst scheint es noch schwieriger zu sein, ins Gespräch zu kommen. Allein ein freundlicher kroatischer Trucker, der offenbar nichts zu tun hat, ist unser Verbündeter. Den ganzen Tag über weißt er uns gestikulierend auf Autos mit Anhängerkupplung hin und spricht gelegentlich sogar Leute in der Landessprache an.

Schließlich nähert sich ein kroatisches Pärchen und macht sich mit Händen und Füßen verständlich. „Ob wir einen Kaffee wollen?“, glauben wir zu verstehen. Georg verneint für sich und bejaht für Christian. Aber die Kroaten machen keine Anstalten, uns einen zu bringen. „How much?“ fragt der Mann unmissverständlich. Offenbar sieht unser Gefährt bereits zu professionell aus. Als wir den Kopf schütteln, wollen sie wissen, ob wir zumindest Cappuccino hätten? Oder Espresso?

Zur gleichen Zeit läuft es auch für die deutsche Nationalmannschaft schlecht, derentwegen wir uns eine Auszeit gönnen. Kein Tor, keine Mitfahrgelegenheit.

Wir beschließen den Tag mit dem weiteren Einstudieren unseres Lagerfeuerlieder-Repertoires. Vielleicht ziehen wir damit irgendwann ja mal Leute an, anstatt sie auf Abstand zu halten. Bei einem weiteren neuen Freund, einem volltrunkenen Trucker, kommt es schonmal gut an.

Als Physikern liegt es uns nach diesem Tag nicht fern, unseren Misserfolg zu analysieren. Ein Zusammenhang erscheint evident: Nur genau an Tagen, an denen wir geduscht haben, sind wir nicht mitgenommen worden. Aus dieser Erkenntnis lässt sich glücklicherweise mit Leichtigkeit eine Strategie für die folgenden Tage ableiten.

Das erfolglose Warten und Probieren hat unserer Motivation einen kleinen Dämpfer verpasst. Irgendwo zwischen Lethargie und Apathie hängen wir am nächsten Morgen rund um unseren Wohnwagen herum, während die Sonne auf uns einbruzzelt. Als am späten Nachmittag der Verkehr wieder zunimmt, nehmen wir alle Kraft zusammen. An gleich zwei Stellen sprechen wir Leute an, sowohl an der Tank-, als auch an der Raststätte. Als Christian Georg in der Ferne wie ein Heinzelmännchen gestikulieren sieht, erkennt er die Lage sofort: Georg hat jemanden am Haken, oder besser: Georg hat jemanden mit Haken.

Es sind zwei Georgier, die je ein Auto von Deutschland in ihre Heimat überführen wollen. Leider landen wir am Haken desjenigen, der kaum mehr als die Worte Kollege, Erdgas und Money versteht. Lust zu fahren hat er auch keine. Nachdem wir die festgerostete Anhängerkupplung freigelegt haben, kann unseren kleinen Konvoi aber nichts mehr aufhalten.

Während unser „Fahrer“ friedlich schläft, trotz des offenen Fensters bei 100 km/h noch deutlich hörbar, bangen wir abwechselnd um den Schlangenlinien fahrenden Fahrer vor uns und die Tanknadel, die sich bedrohlich Richtung Null bewegt. Bei fast jeder Tankstelle stoppen wir: Die Fahrzeuge sind auf Erdgas umgerüstet – und das ist selten zu bekommen. Als der Tank fast leer ist und es noch 200 km bis zur nächsten geeigneten Tankstelle sind, ermittelt unsere Google-Recherche, dass wir zusätzlich mit Benzin fahren können. Aber auch von dieser Aufregung bekommt unser Georgier nicht viel mit. Nur selten wacht er auf, wenn wir gerade eine Mautstelle passieren und fragt uns verwirrt, ob er jetzt seinen Pass braucht.

Kurz vor der EU-Außengrenze zu Serbien forcieren wir einen Fahrerwechsel, der Georgier übernimmt. Wer weiß, was wir da exportieren… Die Grenzkontrolle ist unspektakulär, wir übernehmen das Dolmetschen von Serbisch/Englisch auf Hände/Füße, weil unser Fahrer komplett hilflos wirkt. Als wir den Grenzbeamten unsere Reisemethode vorstellen, lachen diese nur kopfschüttelnd. Sogar unsere über der Freimenge liegenden Alkoholika müssen wir nicht verzollen, die wir – anders als von unseren Fahrern empfohlen – nicht versteckt haben.

Es ist mittlerweile dunkel. Aus welchem Grund auch immer funktioniert die rückwärtige Beleuchtung des Anhängers nur noch auf einer Seite. Egal, merken wir, damit sind wir in Serbien in guter Gesellschaft. Wahrscheinlich liegt es an der Beschaffenheit der Straßen, an der man auch blind die Landesgrenze hätte feststellen können. Schließlich erreichen wir die Raststätte bei Belgrad und verabschieden uns erleichtert – endlich vorbei, das Babysitten.

Tag 5 & 6: Rudi wird’s richten

Irgendwie stinkt es auf dieser Raststätte. Der Geruch scheint seine Quelle in unmittelbarer Nähe unseres Wohnwagens zu haben. Wir umrunden den Wohnwagen ohne Ergebnis. Um dem Geruch aus dem Weg zu gehen, parken wir um, auch ergebnislos. Nach kurzem Nachdenken haben wir einen Geistesblitz: Wir sind es, die nach vier Tagen ohne Dusche eine Geruchsbelästigung darstellen. Erst die Sanitäranlagen in der Raststätte verschaffen die benötigte Abhilfe und erhöhen vermutlich die Wahrscheinlichkeit, mitgenommen zu werden.

Es ist bereits später Morgen und unsere Motivation ist … mittelhoch. Als Etappenziel für heute haben wir uns Ljubljana auserkoren. Allerdings wissen wir: Heute Abend könnte uns Rudi, der zwischendurch nochmal in Finnland war, auf dem Weg nach Hause dorthin mitnehmen. Zunächst ist daher unser Versuch, eine Mitfahrgelegenheit zu finden, halbherzig.

Erst nach einer kleinen Stärkung beginnen wir damit, uns zu bemühen. Ohne Erfolg. Halb so schlimm, „Rudi wird’s richten“, denken wir uns zur Beruhigung und fangen erstmal an zu kochen. Wir nehmen uns viel Zeit, heute soll Chili auf den Tisch kommen und sicherheitshalber machen wir für Rudi gleich eine Portion mit. Wir schmatzen bereits glücklich, da kommt der Anruf: Rudi hat einen unerwarteten Geschäftstermin und muss eine andere Route nehmen. Ohje, soll der Tag wirklich ohne einen einzigen Kilometer vorübergehen?

Wir hängen uns nochmal richtig rein, aber als es dämmert, da dämmert es auch uns – Heidi hat heute kein Foto für uns. Und wir kein solches für eine Mitfahrgelegenheit. Hätten wir uns heute Mittag nur mehr angestrengt! Um die Stimmung aufzuhellen, packen wir unsere Gitarre aus und trällern einige Klassiker. Unsere „Künste“ scheinen die Touristen aus dem eben vorgefahrenen Fernbus noch weiter abzuschrecken. Die plärrige 29€ Einweg-Gitarre ist dafür wohl nur teilweise ursächlich. Unsere Darbietung bildet dabei nicht nur musikalisch den Tiefpunkt des Tages. Ernüchtert, aber nicht nüchtern, fallen wir ins Bett.

Am nächsten Morgen werden wir von der Unterhaltung unserer Nachbarn geweckt – es geht um uns. Noch gähnend und augenreibend treten wir aus dem Wohnwagen und werden von leuchtend orangenen T-Shirts und Kaffeegeruch begrüßt. Mitglieder der Friedensflotte, ein gemeinnütziger Verein, der die größten sozialen Segelprojekte ausrichtet, scharen sich bereits um uns. Auch sie sind nach Ljubljana unterwegs, haben aber nur noch einen Platz an Bord. Dafür werden wir ausgiebig mit Croissants und Kaffee verpflegt.

Wir ergreifen die Gelegenheit beim Schopf: Christian fährt mit Wohnwagen und Friedensflotte vor, Georg trampt hinterher. Hoffentlich ist diese Idee nicht zu sehr an den Haaren herbeigezogen. Während Christian sich also mit seinen Mitfahrern vergnügt, begnügt sich Georg mit Gefällt-mir-Yoga. Während Christian sein zweites Croissant mampft, fragt er sich, ob Georg wohl eine Zahnbürste dabei hat. Bei dem ist nämlich wegen vollbeladener Touriautos Frust angesagt. Fatalistisch mampft Christian sein drittes Croissant.

Schließlich wird auch Georgs Tag versüßt: Katrin, Lisa und Django gabeln ihn auf. In Ljubljana stellen sie fest, dass Georg doch nicht geistig verwirrt ist: Dort wartet tatsächlich bereits ein Wohnwagen. Das Sahnehäubchen bilden heute Claudia und Bernie, die uns beiden einen Streckenrekord servieren: Erst in Zagreb endet der Tag – zur Feier gibt’s Rührei mit Toast!

Tag 3 & 4: Spiel mir das Lied vom Caravan

Wir sind noch immer auf der Autobahnraststätte in Sinsheim. Steppenläufer aus Toilettenpapier und Plastiktüten, angetrieben von badischen Winden, wehen über den verlassenen Rastplatz und jene Winde blasen uns den Feinstaub der nahen Autobahn in die Augen. Es erklingt die Melodie aus „Spiel mir ein Lied vom Tod“. So oder so ähnlich fühlen wir uns jedenfalls hier.

Wir müssen Mitleid erregen. Der Tankstellenbetreiber (?), dem wir gestern schon aufgefallen sind, kündigt an, uns morgen zumindest ein Stückchen weiter zu bringen, falls wir dann immer noch da sein sollten. Die Hoffnung auf ein nahes Ende des Wartens motiviert uns weiterzumachen.

Christians rechter Fuß ist bereits leicht taub vom langen einseitigen Stehen, als Daniel auf seinem blauen T3 einreitet. Er ist der Held dieses Autobahnraststätten-Westerns. Genau eine Raststätte kann er uns mitnehmen. Überglücklich überlegen wir keine Sekunde. Bloß weg hier! In Daniels T3 überholen wir, dank neuem Motor, einen riesigen LKW-Stau.

Auf der nächsten Raststätte geht es wieder gut. Nach einer Reihe von Angeboten zur Mitfahrt, leider ohne Anhängerkupplung, gabelt uns Nancy auf. Sie hat keine Erfahrung mit Trampern, aber findet uns nett und unsere Reiseart verrückt. Nur Fotos mag sie nicht, auch wenn wir nicht verstehen, warum. Wieder machen wir einen kleinen Hüpfer in die richtige Richtung.

Genug von den kleinen Hüpfern, denken wir uns. Jetzt könnte es doch auch mal etwas weiter gehen. Wir rufen den Gott der Anhalter an, opfern ihm Bier und Salami, um ihn gnädig zu stimmen. Siehe da, es klappt! Christoph ist unsere 6,50m Fahnenstange ins Auge gestochen. Er fährt ins Allgäu und nimmt sogar noch einen kleinen Umweg in Kauf, mit ihm fahren wir bis nach Ulm.

Fast noch besser treffen wir es am nächsten Morgen mit Rudi. Er nimmt uns nicht nur von Ulm nach München mit, sondern bietet uns für den nächsten Tag die Mitfahrt nach Ljubljana an, für die er einen großen Umweg machen würde. Wir sind hin- und hergerissen: Sollen wir in München einfach warten, bis er wiederkommt. Es wäre so einfach!

Nein! Unser Tramperehrgeiz verbietet uns das. Wir können Rudi schließlich auch noch kontaktieren, wenn wir zwischen München und Ljubljana irgendwo hängen bleiben. Also weiter geht’s: Fahne raus und Daumen hoch!

Es dauert eine Weile. Aber warten können wir. Mittlerweile haben wir großes Vertrauen darin, dass es bald weitergeht. So ist es auch, als Ferdi uns aufgabelt und bis kurz vor die österreichische Grenze bringt. Dort gehen wir nochmal sicher bezüglich Maut: der Tankwart kann uns bestätigen, dass nur das Zugfahrzeug eine Vignette braucht.

Da der Trampergott bereits gnädig gestimmt ist, hält nach kurzer Zeit Florian an. Als Werbetexter für McDonald’s überlegt er kurz, Fotos von uns vor dem nächsten Schnellrestaurant zu machen. Hätte er nicht in den Urlaub gewollt, wer weiß, vielleicht gäbe es bald den CaraMac. Ein Burger mit einem riesigen Patty aus Kamelfleisch, zwei Chicken Nuggets und einem Häkchen, um ihn abzuschleppen. Hmmm!

Bei Landzeit Eben, wo Florian uns absetzt, sind wir gleich umringt von begeisterten Truckern. Stefan und Günther laden uns an ihren Campingtisch ein und versorgen uns mit Speck, Rotwein und Grappa. Die beiden wissen, wie man lebt! Und Günther findet den Wohnwagen so cool, dass er überlegt, ihn im Iran abzuholen. In 6 Wochen wissen wir mehr.

Unser Resümee nach vier Tagen könnte positiver nicht sein: Mit 9 Mitfahrgelegenheiten haben wir die Distanz nach Teheran von 4780km auf 4140km verkürzt. Danke an alle – fürs Mitnehmen und vor allem eure tolle Gesellschaft!