Why We Caravan

Mit einem selbstgebauten Boot – von Unwissenden als „schwimmende Überdachung“ verunglimpft – die Donau 1700 km Richtung Schwarzes Meer fahren?

Mit einem als Elefant getarnten 6-Personen-Fahrrad ohne Gangschaltung – von Unwissenden als „China-Schrott“ verunglimpft – wie Hannibal die Alpen überqueren?

Was könnten sich zwei (geistig vollkommen gesunde) junge Männer jetzt noch einfallen lassen? Die Liste der Ideen ist lang und großteils ohne den kreativen Einfluss hochprozentiger Getränke entstanden, auch wenn der Leser dazu neigen mag, das zu vermuten:

  • In einem Zorb-Ball den Amazonas herunterlaufen
  • Auf einem Schwanentretboot eine Mittelmeerinsel umrunden
  • In einem Geländewagen als Korb eines Heißluftballons die Anden überfliegen
  • Mit einem Fred-Feuerstein-Laufrad das Nordkap erreichen
  • Auf einem City-Roller das Mount Everst-Basecamp erklimmen
  • In einem Kinderwagen … noch unklar, was hierfür wohl ein gutes Ziel wäre, Anregungen werden gerne entgegen genommen

Diese Ideen sind gut, wie wir nicht ohne Stolz feststellen müssen. Sie eignen sich allerdings nicht ohne Einschränkungen für genau zwei Personen. Oder erfordern ein hohes Maß an Planung und Vorbereitung.

Welches Transportmittel also eignet sich nach den genannten Kriterien und hat weiterhin das von vergangenen Reisen bekannt-beliebte katastrophale Preis-Komfort-Verhältnis?

Ein Wohnwagen-Auto-Gespann erfüllt diese Kriterien teilweise. Es ist für zwei Personen ausreichend groß, einfach zu beschaffen, autark und teuer. Leider ist es sehr komfortabel und einfach mit dem eigenen Auto den Wohnwagen fortzubewegen. Dieses Defizit kompensieren wir durch Weglassen des eigenen Autos – und fahren nur per Anhalter. Yes we caravan!

Nach Klärung von Fortbewegungsmethode bleibt noch der Reiseweg auszuwählen. Einfach: In welcher Himmelsrichtung kommt man am weitesten auf dem Landweg? Osten natürlich.

An dieser Stelle möchten wir nicht verschweigen, dass die Idee ein Gemeinschaftsprodukt der (geistig ebenso vollkommen gesunden) Donaufahrt- und Hannibal Express-Expeditionsmitglieder ist. Danke für euren Beitrag ❤

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Tag 1 & 2: Können wir das schaffen?

Alle Vorbereitungen sind getroffen, heute ist der große Tag, an dem wir es wissen wollen – can we caravan? Wir stehen an der Kohlenstraße in Kassel und halten zum ersten Mal den Daumen heraus. Die Autos rasen an uns vorbei und übertönen noch das laute Brummen unseres Generators, der die Batterie lädt. Wir überschlagen: Wenn wir jeden Tag 5 Stunden den Daumen heraushalten, die nächsten 6 Wochen, dann sind das über 200 Stunden Warten – reisen mit der Deutschen Bahn erscheint plötzlich ungewohnt attraktiv.

Es ist gerade einen Monat her, dass wir uns durch die deutschlandweiten Anzeigen für Wohnwagen klicken und uns ein Modell ins Auge springt. Ein Hymer Eriba „Pan Familia“, stolze 32 Jahre alt, aber federleichte 750kg zulässige Gesamtmasse und so mit jedem B-Führerschein zu fahren. Perfekt, ein Kühlschrank stellt das Bier kalt und ein Gaskocher ist zumindest ein guter Anfang, um Christians Bärenhunger zu bändigen. Kurzum: Es ist Liebe auf den ersten Blick und wir schleppen unsere neue Bekanntschaft direkt zu uns nach Hause ab. Die spontane House-Warming-Party wird zum vollen Erfolg, denn hier muss keiner alleine schlafen gehen…

Die nächsten Wochen beschäftigen wir uns mit den bereits in vorherigen Jahren eskalierten Einkäufen überlebensnotwendiger Ausrüstung: Wie sollen wir die nächsten Wochen ohne portablen Beamer durchstehen? Sind sechs Meter Fahnenstange wirklich groß genug um gesehen zu werden? Und reicht die Helligkeit der USB-Diskokugel aus? So richten wir uns gemütlich in unserer neuen Zweitwohnung ein, rüsten Batterie, USB-Anschlüsse und Generator nach und dekorieren den Wohnwagen äußerlich im Corporate Design des Urlaubs.

Und dann geht alles plötzlich ganz schnell. Also mit etwa 2km/h, denn wir müssen den Wohnwagen von seinem Parkplatz noch selbst an die nächste größere Straße ziehen. Dort befindet sich praktischerweise auch ein Lidl. Da wir der großen wilden Welt da draußen kein Stückchen Vertrauen schenken, beschließen wir direkt Essensrationen für die nächsten 3 Wochen einzukaufen – und sind selbst überrascht, dass das alles in unseren kleinen Eriba passt.

Beim Einräumen haben wir unseren ersten Glücksmoment. Eine junge Iranerin hat unser beiseite gelegtes Schild gesehen, auf das wir übermütig bereits „Teheran“ geschrieben haben. Sie ist begeistert von unserem Projekt und gibt uns Kontaktdaten, an die wir uns am Ziel wenden können.

Die Flagge ist gehisst, die Campingstühle aufgestellt und wir warten sehnsüchtig auf das erste anhaltende Auto, das uns auf die A7 bringt. Eine Menge Leute kommen und fragen uns aus – wie seien wir denn auf so eine Idee gekommen? Wir bekommen heraus, dass die Kassiererin im Lidl bereits für uns Werbung macht und Kunden nach einer Anhängerkupplung fragt. Ein paar anhaltende Autos später ist es dann so weit: Bei Marvins Golf passt alles und er nimmt uns gern bei seiner Heimfahrt in Richtung Göttingen mit. Wir feiern den großen Moment, jetzt geht es so richtig los. Allen Zweiflern und Kleingläubigen ist jetzt bewiesen: Yes, we caravan!

Marvin halbiert für uns seine gewohnte Geschwindigkeit und wir tuckern mit gemütlichen 80km/h bis zur Raststätte bei Göttingen. Dort positionieren wir uns und hissen die Fahne, das Wartespiel beginnt erneut. Auf einem solchen Parkplatz kann man eine erstaunliche Menge Menschen in kurzer Zeit kennenlernen: Florian „Holzi“ gibt uns zwei Burger aus, wir bekommen Kekse geschenkt und eine weitere Dame ruft mehrfach bei ihrem Mann an, um sich über die Versicherungssituation bei Fahrt mit Anhänger zu erkundigen. Es dämmert bereits, als Martina für uns anhält. Sie ist mit einem ausgebauten Vito in Richtung Karlsruhe unterwegs. Schnell sind wir fahrtbereit und kommen noch bis Gießen, wo wir weit nach Mitternacht Spinat, Ei und Nudeln verputzen. Dann geht’s zum ersten Male in die neuen Kojen.

Die Nacht ist laut und am nächsten Morgen ist die Burg aus Lastwagen um uns bereits verschwunden. Zusammen mit Martina fahren wir weiter, in Speyer machen wir einen kurzen Abstecher zum Dom. An der Raststätte Hockenheim heißt es dann Ade, es scheint fast als wollte Martina uns gar nicht gehen lassen.

Hier treffen wir bald Julia und Niko, die leider nur ein Stück in Richtung Osten fahren, aber wir entschließen uns, jeden Kilometer, der sich bietet, anzunehmen. So kommen wir am späten Nachmittag an der Raststätte Kraichgau Süd an.

Hier herrscht leider totale Flaute. Der Parkplatz ist zumeist wie ausgestorben und es ist uns schleierhaft, wie sich das Restaurant lohnen kann. Erste Zweifel kommen wieder bei uns auf, aber wir bleiben dabei: Mit Geduld wird es schon. So bleibt dies unsere letzte Station an diesem Tag und wir fallen – sogar zu müde für ein richtiges Abendessen – bald ins Bett.

Tag 3 & 4: Spiel mir das Lied vom Caravan

Wir sind noch immer auf der Autobahnraststätte in Sinsheim. Steppenläufer aus Toilettenpapier und Plastiktüten, angetrieben von badischen Winden, wehen über den verlassenen Rastplatz und jene Winde blasen uns den Feinstaub der nahen Autobahn in die Augen. Es erklingt die Melodie aus „Spiel mir ein Lied vom Tod“. So oder so ähnlich fühlen wir uns jedenfalls hier.

Wir müssen Mitleid erregen. Der Tankstellenbetreiber (?), dem wir gestern schon aufgefallen sind, kündigt an, uns morgen zumindest ein Stückchen weiter zu bringen, falls wir dann immer noch da sein sollten. Die Hoffnung auf ein nahes Ende des Wartens motiviert uns weiterzumachen.

Christians rechter Fuß ist bereits leicht taub vom langen einseitigen Stehen, als Daniel auf seinem blauen T3 einreitet. Er ist der Held dieses Autobahnraststätten-Westerns. Genau eine Raststätte kann er uns mitnehmen. Überglücklich überlegen wir keine Sekunde. Bloß weg hier! In Daniels T3 überholen wir, dank neuem Motor, einen riesigen LKW-Stau.

Auf der nächsten Raststätte geht es wieder gut. Nach einer Reihe von Angeboten zur Mitfahrt, leider ohne Anhängerkupplung, gabelt uns Nancy auf. Sie hat keine Erfahrung mit Trampern, aber findet uns nett und unsere Reiseart verrückt. Nur Fotos mag sie nicht, auch wenn wir nicht verstehen, warum. Wieder machen wir einen kleinen Hüpfer in die richtige Richtung.

Genug von den kleinen Hüpfern, denken wir uns. Jetzt könnte es doch auch mal etwas weiter gehen. Wir rufen den Gott der Anhalter an, opfern ihm Bier und Salami, um ihn gnädig zu stimmen. Siehe da, es klappt! Christoph ist unsere 6,50m Fahnenstange ins Auge gestochen. Er fährt ins Allgäu und nimmt sogar noch einen kleinen Umweg in Kauf, mit ihm fahren wir bis nach Ulm.

Fast noch besser treffen wir es am nächsten Morgen mit Rudi. Er nimmt uns nicht nur von Ulm nach München mit, sondern bietet uns für den nächsten Tag die Mitfahrt nach Ljubljana an, für die er einen großen Umweg machen würde. Wir sind hin- und hergerissen: Sollen wir in München einfach warten, bis er wiederkommt. Es wäre so einfach!

Nein! Unser Tramperehrgeiz verbietet uns das. Wir können Rudi schließlich auch noch kontaktieren, wenn wir zwischen München und Ljubljana irgendwo hängen bleiben. Also weiter geht’s: Fahne raus und Daumen hoch!

Es dauert eine Weile. Aber warten können wir. Mittlerweile haben wir großes Vertrauen darin, dass es bald weitergeht. So ist es auch, als Ferdi uns aufgabelt und bis kurz vor die österreichische Grenze bringt. Dort gehen wir nochmal sicher bezüglich Maut: der Tankwart kann uns bestätigen, dass nur das Zugfahrzeug eine Vignette braucht.

Da der Trampergott bereits gnädig gestimmt ist, hält nach kurzer Zeit Florian an. Als Werbetexter für McDonald’s überlegt er kurz, Fotos von uns vor dem nächsten Schnellrestaurant zu machen. Hätte er nicht in den Urlaub gewollt, wer weiß, vielleicht gäbe es bald den CaraMac. Ein Burger mit einem riesigen Patty aus Kamelfleisch, zwei Chicken Nuggets und einem Häkchen, um ihn abzuschleppen. Hmmm!

Bei Landzeit Eben, wo Florian uns absetzt, sind wir gleich umringt von begeisterten Truckern. Stefan und Günther laden uns an ihren Campingtisch ein und versorgen uns mit Speck, Rotwein und Grappa. Die beiden wissen, wie man lebt! Und Günther findet den Wohnwagen so cool, dass er überlegt, ihn im Iran abzuholen. In 6 Wochen wissen wir mehr.

Unser Resümee nach vier Tagen könnte positiver nicht sein: Mit 9 Mitfahrgelegenheiten haben wir die Distanz nach Teheran von 4780km auf 4140km verkürzt. Danke an alle – fürs Mitnehmen und vor allem eure tolle Gesellschaft!

Tag 5 & 6: Rudi wird’s richten

Irgendwie stinkt es auf dieser Raststätte. Der Geruch scheint seine Quelle in unmittelbarer Nähe unseres Wohnwagens zu haben. Wir umrunden den Wohnwagen ohne Ergebnis. Um dem Geruch aus dem Weg zu gehen, parken wir um, auch ergebnislos. Nach kurzem Nachdenken haben wir einen Geistesblitz: Wir sind es, die nach vier Tagen ohne Dusche eine Geruchsbelästigung darstellen. Erst die Sanitäranlagen in der Raststätte verschaffen die benötigte Abhilfe und erhöhen vermutlich die Wahrscheinlichkeit, mitgenommen zu werden.

Es ist bereits später Morgen und unsere Motivation ist … mittelhoch. Als Etappenziel für heute haben wir uns Ljubljana auserkoren. Allerdings wissen wir: Heute Abend könnte uns Rudi, der zwischendurch nochmal in Finnland war, auf dem Weg nach Hause dorthin mitnehmen. Zunächst ist daher unser Versuch, eine Mitfahrgelegenheit zu finden, halbherzig.

Erst nach einer kleinen Stärkung beginnen wir damit, uns zu bemühen. Ohne Erfolg. Halb so schlimm, „Rudi wird’s richten“, denken wir uns zur Beruhigung und fangen erstmal an zu kochen. Wir nehmen uns viel Zeit, heute soll Chili auf den Tisch kommen und sicherheitshalber machen wir für Rudi gleich eine Portion mit. Wir schmatzen bereits glücklich, da kommt der Anruf: Rudi hat einen unerwarteten Geschäftstermin und muss eine andere Route nehmen. Ohje, soll der Tag wirklich ohne einen einzigen Kilometer vorübergehen?

Wir hängen uns nochmal richtig rein, aber als es dämmert, da dämmert es auch uns – Heidi hat heute kein Foto für uns. Und wir kein solches für eine Mitfahrgelegenheit. Hätten wir uns heute Mittag nur mehr angestrengt! Um die Stimmung aufzuhellen, packen wir unsere Gitarre aus und trällern einige Klassiker. Unsere „Künste“ scheinen die Touristen aus dem eben vorgefahrenen Fernbus noch weiter abzuschrecken. Die plärrige 29€ Einweg-Gitarre ist dafür wohl nur teilweise ursächlich. Unsere Darbietung bildet dabei nicht nur musikalisch den Tiefpunkt des Tages. Ernüchtert, aber nicht nüchtern, fallen wir ins Bett.

Am nächsten Morgen werden wir von der Unterhaltung unserer Nachbarn geweckt – es geht um uns. Noch gähnend und augenreibend treten wir aus dem Wohnwagen und werden von leuchtend orangenen T-Shirts und Kaffeegeruch begrüßt. Mitglieder der Friedensflotte, ein gemeinnütziger Verein, der die größten sozialen Segelprojekte ausrichtet, scharen sich bereits um uns. Auch sie sind nach Ljubljana unterwegs, haben aber nur noch einen Platz an Bord. Dafür werden wir ausgiebig mit Croissants und Kaffee verpflegt.

Wir ergreifen die Gelegenheit beim Schopf: Christian fährt mit Wohnwagen und Friedensflotte vor, Georg trampt hinterher. Hoffentlich ist diese Idee nicht zu sehr an den Haaren herbeigezogen. Während Christian sich also mit seinen Mitfahrern vergnügt, begnügt sich Georg mit Gefällt-mir-Yoga. Während Christian sein zweites Croissant mampft, fragt er sich, ob Georg wohl eine Zahnbürste dabei hat. Bei dem ist nämlich wegen vollbeladener Touriautos Frust angesagt. Fatalistisch mampft Christian sein drittes Croissant.

Schließlich wird auch Georgs Tag versüßt: Katrin, Lisa und Django gabeln ihn auf. In Ljubljana stellen sie fest, dass Georg doch nicht geistig verwirrt ist: Dort wartet tatsächlich bereits ein Wohnwagen. Das Sahnehäubchen bilden heute Claudia und Bernie, die uns beiden einen Streckenrekord servieren: Erst in Zagreb endet der Tag – zur Feier gibt’s Rührei mit Toast!

Tag 7 & 8: Vom Fahren und Gefahrenwerden

Es gibt sie, Tage wie diesen. Tage, an denen das Trampen einfach nicht gelingen will. Laut Auskunft einschlägiger Tramper-Foren sollte es in Kroatien ganz leicht gehen: Kaum zwanzig Minuten solle man warten müssen. Ungünstigerweise sind vor allem Touristen unterwegs – und die nur in Richtung Küste. Mit den Kroaten selbst scheint es noch schwieriger zu sein, ins Gespräch zu kommen. Allein ein freundlicher kroatischer Trucker, der offenbar nichts zu tun hat, ist unser Verbündeter. Den ganzen Tag über weißt er uns gestikulierend auf Autos mit Anhängerkupplung hin und spricht gelegentlich sogar Leute in der Landessprache an.

Schließlich nähert sich ein kroatisches Pärchen und macht sich mit Händen und Füßen verständlich. „Ob wir einen Kaffee wollen?“, glauben wir zu verstehen. Georg verneint für sich und bejaht für Christian. Aber die Kroaten machen keine Anstalten, uns einen zu bringen. „How much?“ fragt der Mann unmissverständlich. Offenbar sieht unser Gefährt bereits zu professionell aus. Als wir den Kopf schütteln, wollen sie wissen, ob wir zumindest Cappuccino hätten? Oder Espresso?

Zur gleichen Zeit läuft es auch für die deutsche Nationalmannschaft schlecht, derentwegen wir uns eine Auszeit gönnen. Kein Tor, keine Mitfahrgelegenheit.

Wir beschließen den Tag mit dem weiteren Einstudieren unseres Lagerfeuerlieder-Repertoires. Vielleicht ziehen wir damit irgendwann ja mal Leute an, anstatt sie auf Abstand zu halten. Bei einem weiteren neuen Freund, einem volltrunkenen Trucker, kommt es schonmal gut an.

Als Physikern liegt es uns nach diesem Tag nicht fern, unseren Misserfolg zu analysieren. Ein Zusammenhang erscheint evident: Nur genau an Tagen, an denen wir geduscht haben, sind wir nicht mitgenommen worden. Aus dieser Erkenntnis lässt sich glücklicherweise mit Leichtigkeit eine Strategie für die folgenden Tage ableiten.

Das erfolglose Warten und Probieren hat unserer Motivation einen kleinen Dämpfer verpasst. Irgendwo zwischen Lethargie und Apathie hängen wir am nächsten Morgen rund um unseren Wohnwagen herum, während die Sonne auf uns einbruzzelt. Als am späten Nachmittag der Verkehr wieder zunimmt, nehmen wir alle Kraft zusammen. An gleich zwei Stellen sprechen wir Leute an, sowohl an der Tank-, als auch an der Raststätte. Als Christian Georg in der Ferne wie ein Heinzelmännchen gestikulieren sieht, erkennt er die Lage sofort: Georg hat jemanden am Haken, oder besser: Georg hat jemanden mit Haken.

Es sind zwei Georgier, die je ein Auto von Deutschland in ihre Heimat überführen wollen. Leider landen wir am Haken desjenigen, der kaum mehr als die Worte Kollege, Erdgas und Money versteht. Lust zu fahren hat er auch keine. Nachdem wir die festgerostete Anhängerkupplung freigelegt haben, kann unseren kleinen Konvoi aber nichts mehr aufhalten.

Während unser „Fahrer“ friedlich schläft, trotz des offenen Fensters bei 100 km/h noch deutlich hörbar, bangen wir abwechselnd um den Schlangenlinien fahrenden Fahrer vor uns und die Tanknadel, die sich bedrohlich Richtung Null bewegt. Bei fast jeder Tankstelle stoppen wir: Die Fahrzeuge sind auf Erdgas umgerüstet – und das ist selten zu bekommen. Als der Tank fast leer ist und es noch 200 km bis zur nächsten geeigneten Tankstelle sind, ermittelt unsere Google-Recherche, dass wir zusätzlich mit Benzin fahren können. Aber auch von dieser Aufregung bekommt unser Georgier nicht viel mit. Nur selten wacht er auf, wenn wir gerade eine Mautstelle passieren und fragt uns verwirrt, ob er jetzt seinen Pass braucht.

Kurz vor der EU-Außengrenze zu Serbien forcieren wir einen Fahrerwechsel, der Georgier übernimmt. Wer weiß, was wir da exportieren… Die Grenzkontrolle ist unspektakulär, wir übernehmen das Dolmetschen von Serbisch/Englisch auf Hände/Füße, weil unser Fahrer komplett hilflos wirkt. Als wir den Grenzbeamten unsere Reisemethode vorstellen, lachen diese nur kopfschüttelnd. Sogar unsere über der Freimenge liegenden Alkoholika müssen wir nicht verzollen, die wir – anders als von unseren Fahrern empfohlen – nicht versteckt haben.

Es ist mittlerweile dunkel. Aus welchem Grund auch immer funktioniert die rückwärtige Beleuchtung des Anhängers nur noch auf einer Seite. Egal, merken wir, damit sind wir in Serbien in guter Gesellschaft. Wahrscheinlich liegt es an der Beschaffenheit der Straßen, an der man auch blind die Landesgrenze hätte feststellen können. Schließlich erreichen wir die Raststätte bei Belgrad und verabschieden uns erleichtert – endlich vorbei, das Babysitten.

Tag 9 & 10: Nikola wird’s richten

Aufgrund des gestrigen Kilometerrekords steigen wir heute hochmotiviert aus dem Bett und pinseln unser erstes multilinguales Anhalterschild mit kyrillischen Buchstaben und Anhängerkupplungs-Piktogramm. So richtig scheint das neue Konzept aber nicht aufzugehen: Obwohl alle befragten Serben das Schild für super befinden, hält niemand für uns an.

Wir sehen ein, dass wir noch ein bisschen länger in Serbien verweilen werden und beschließen uns zunächst bei der Polizei zu registrieren, wie es in diesem Land vorgeschrieben ist. Für die meisten Touristen wird dies automatisch vom Hotel übernommen, wir jedoch müssen innerhalb von 24 Stunden bei einer Polizeistation vorbeischauen. Als wir dort ankommen, weißt uns ein freundlicher, Englisch sprechender Passant den Weg zur düsteren Rezeption. Wenig sagt eindrücklicher „Willkommen in Serbien“ als der übel nach Urin riechende Gang mit kaum kontinuierlich funktionierender Deckenbeleuchtung. Dort weiß man jedoch nicht, wie man uns registrieren soll. Offenbar ist eine Autobahnraststätte kein ordinäres Domizil. Das Gespräch dreht sich bereits im Kreis, als wir beschließen, einfach das günstigste Hostel für eine Nacht zu buchen. Eine Taxifahrt und 10€ später haben wir zwei Betten, die wir jedoch nie zu Gesicht bekommen, denn als man uns hinführen will, verabschieden wir uns bereits wieder höflich.

Zurück an unserem illegalen Zweitwohnsitz geben wir nochmal alles, aber niemand mag uns mitnehmen. Obgleich wir jeden Tag reich mit Lebensmitteln beschenkt werden, finden wir immer weniger Autos, die für uns anhalten. So geht es nach einem großen Topf Guacamole ein weiteres Mal im vertrauten Schein der Tankstelle ins Bett. Ob es wohl an der ausgiebigen Katzenwäsche am Morgen lag? Wir wären ja bereit, Opfer zu bringen …

Am nächsten Tag bemerkt Nikola unsere Absichten. Zunächst ist er der Überzeugung, dass dieses Unterfangen nicht funktionieren kann, aber dann schließt er sich unserem Wartespiel an. Eine gute Stunde deutet er für uns Nummernschilder und spricht mit Fahrern – ohne Erfolg. Er hat aber noch ein Ass im Ärmel: Nach ein paar Anrufen hat er einen Trucker seines Unternehmens für den nächsten Morgen organisiert. Bis dahin sollen wir aber von Belgrad noch was sehen. Mit ihm fahren wir in die Innenstadt, essen Pizza und genießen den Ausblick auf die Donau wie schon vor zwei Jahren.

Zurück an der Raststätte sind wir von der Hoffnung auf den nächsten Tag euphorisiert und schmeißen noch einmal alles in die Waagschale. Es hilft nichts. Morgen muss Nikola es richten. Ob das klappt?