Tag 19 – 23: No, we Caravan’t

Mittlerweile fühlt sich die Raststätte bei Niš wie ein zweites Zuhause an. Um das auch so zu etablieren, richten wir uns nachhaltig darauf ein: Das Hitchhiker-Whiteboard, das wir zuvor umständlich alle paar Tage neu beschriften mussten, wird einfach mit Permanent-Marker beschrieben. Es wird wohl ohnehin noch einige Zeit das gleiche Ziel anzeigen.

Für heimelige Gemütlichkeit braucht es natürlich auch Haustiere. Die beiden Fliegen, die sich stets in unserem Wohnwagen aufhalten, werden Ernie und Bert getauft. Nur ein leicht mulmiges Gefühl haben wir, weil wir sie gestern für Zielübungen beim Gummiring-Schnippsen verwendet haben. Die beiden Guten.

Aber damit endet diese Folge von Pimp my Ride natürlich noch nicht. Nur aus Teilen, die wir schon an Bord hatten, entstehen Stativ und Rollleinwand für den Beamer. Dazu kommt noch ein neuer Mückenschutz und langen Kinonächten steht nichts mehr im Wege.

Die Suche nach Mitfahrgelegenheiten ist perfekt eingespielt. Bei gutem Wetter fläzen wir uns gemütlich draußen in die Sonne auf die Campingstühle, winken den Vorbeifahrenden und beobachten die ent- bis begeisterten Gesichtsausdrücke. Dazu ein paar (Hör-)Bücher und die Gitarre – so lässt es sich leben. Sobald es zu regnen beginnt, schlüpfen wir in den Wohnwagen, booten Windows und halten den Daumen nur noch durch das Fenster heraus. Abends werden kulinarisch stets neue Maßstäbe gesetzt. Zuletzt können wir bestätigen, dass sich auch auf einem Gaskocher mittels Doppeltopf-Technologie® eine vortreffliche Lasagne zubereiten lässt.

Dennoch fehlt bei alledem das Elementare. Es ist der sprichwörtliche Elefant im Caravan: Wir kommen nicht mehr voran. Jeden Tag kommen wir mit vielen Leuten ins Gespräch, einige halten uns für verrückt, aber die meisten freuen sich sehr über die Idee. Doch die Autos der Touristen sind bis in die letzte Ecke beladen und die Serben haben oft schon genügend andere Probleme. Und schließlich scheint auch das allgemeine Misstrauen immer weiter zuzunehmen, je weiter wir gen Osten gelangen.

Als gute Wissenschaftler können wir jedoch nicht auf Verdacht handeln, nein, wir brauchen Daten. Und ein buntes Diagramm. Letzteres illustriert schließlich unmissverständlich unser Problem.

tageskilometer2

Der Vergleich des BIP pro Kopf von Serbien und Bulgarien und die uns täglich verkündeten Vorurteile gegenüber Bulgarien lassen vermuten: Es wird wohl auch nicht besser. Nach knapp 2000 km Fahrt per Anhalter, 17 Mitfahrgelegenheiten, 3 Wochen und einem guten Drittel der Strecke bis nach Teheran müssen wir zugeben: No, we caravan’t.

Zumindest nicht bis in den Iran. Doch eine Lösung ist schnell parat: ein Mietwagen. Wir ziehen uns an den eigenen Haaren aus dem Sumpf – beziehungsweise am eigenen Haken aus Serbien. Und dann geht’s nach bewährtem Muster wieder zurück nach Hause. Direkt reservieren wir bei der einzigen Autovermietung im Umkreis, die Autos mit Anhängerkupplung führt, unsere Rettung.

Bei Abholung am nächsten Morgen noch einmal sicherheitshalber die Frage: Hat der Wagen auch wirklich eine Anhängerkupplung? Jaja. Kuka za vucu? (Der serbische Ausdruck für Anhängerkupplung gehört schon länger zu unserem aktiven Wortschatz.) Jaja. Wieviele Pole hat der Anschluss denn, 7 oder 13? … Das müsse man dann gleich am Auto sehen. Es kommt, wie es muss. Nema kuka za vucu. Natürlich gibt es keine Anhängerkupplung. Aber die verwunderte Nachfrage: Ach, wenn wir wirklich eine Anhängerkupplung bräuchten, warum hätten wir das denn nicht gleich gesagt? Wir fühlen uns darin bestätigt, dass in Serbien nichts funktioniert. Ein zufällig vorbeikommender serbischer Busfahrer bietet sofort seine Hilfe an. Leider laufen auch seine Vermittlungsbemühungen zum AMSS und anderen Autovermietungen ins Leere. In Serbien funktioniert vielleicht nichts, aber die Serben sind wirklich ein cooles Völkchen.

Also muss Christian ein Mietauto aus Wien holen. Zunächst geht es mit einer Mitfahrgelegenheit nach Belgrad. Diese taucht allerdings nicht wie vereinbart auf und ist auch telefonisch unerreichbar. Wir fühlen uns darin bestätigt, dass in Serbien nichts funktioniert. Erneut buchen wir eine Mitfahrgelegenheit. Die sammelt Christian an seinem Wunschort in Niš ein, die Fahrt mit zwei Serben und einer Filipina ist herrlich heiter. In Serbien funktioniert vielleicht nichts, aber die Serben sind wirklich ein cooles Völkchen.

Als Christian seinen Plan erwähnt, mit dem Zug nach Wien zu fahren, stellt sich heraus, dass der Hauptbahnhof in Belgrad gerade verlegt wird und totales Chaos herrscht. Wir fühlen uns darin bestätigt, dass in Serbien nichts funktioniert. Die Fahrgemeinschaft findet schließlich eine Lösung für das Problem: ein FlixBus. Praktischerweise wird der Busbahnhof gerade nicht verlegt. Eilig wird Christian dorthin chauffiert. Gerade rechtzeitig erreicht er den letzten Bus für heute, wo das Personal bereits Schokoriegel und Orangensaft verteilt. In Serbien funktioniert vielleicht nichts, aber die Serben sind wirklich ein cooles Völkchen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s