Tag 7 & 8: Vom Fahren und Gefahrenwerden

Es gibt sie, Tage wie diesen. Tage, an denen das Trampen einfach nicht gelingen will. Laut Auskunft einschlägiger Tramper-Foren sollte es in Kroatien ganz leicht gehen: Kaum zwanzig Minuten solle man warten müssen. Ungünstigerweise sind vor allem Touristen unterwegs – und die nur in Richtung Küste. Mit den Kroaten selbst scheint es noch schwieriger zu sein, ins Gespräch zu kommen. Allein ein freundlicher kroatischer Trucker, der offenbar nichts zu tun hat, ist unser Verbündeter. Den ganzen Tag über weißt er uns gestikulierend auf Autos mit Anhängerkupplung hin und spricht gelegentlich sogar Leute in der Landessprache an.

Schließlich nähert sich ein kroatisches Pärchen und macht sich mit Händen und Füßen verständlich. „Ob wir einen Kaffee wollen?“, glauben wir zu verstehen. Georg verneint für sich und bejaht für Christian. Aber die Kroaten machen keine Anstalten, uns einen zu bringen. „How much?“ fragt der Mann unmissverständlich. Offenbar sieht unser Gefährt bereits zu professionell aus. Als wir den Kopf schütteln, wollen sie wissen, ob wir zumindest Cappuccino hätten? Oder Espresso?

Zur gleichen Zeit läuft es auch für die deutsche Nationalmannschaft schlecht, derentwegen wir uns eine Auszeit gönnen. Kein Tor, keine Mitfahrgelegenheit.

Wir beschließen den Tag mit dem weiteren Einstudieren unseres Lagerfeuerlieder-Repertoires. Vielleicht ziehen wir damit irgendwann ja mal Leute an, anstatt sie auf Abstand zu halten. Bei einem weiteren neuen Freund, einem volltrunkenen Trucker, kommt es schonmal gut an.

Als Physikern liegt es uns nach diesem Tag nicht fern, unseren Misserfolg zu analysieren. Ein Zusammenhang erscheint evident: Nur genau an Tagen, an denen wir geduscht haben, sind wir nicht mitgenommen worden. Aus dieser Erkenntnis lässt sich glücklicherweise mit Leichtigkeit eine Strategie für die folgenden Tage ableiten.

Das erfolglose Warten und Probieren hat unserer Motivation einen kleinen Dämpfer verpasst. Irgendwo zwischen Lethargie und Apathie hängen wir am nächsten Morgen rund um unseren Wohnwagen herum, während die Sonne auf uns einbruzzelt. Als am späten Nachmittag der Verkehr wieder zunimmt, nehmen wir alle Kraft zusammen. An gleich zwei Stellen sprechen wir Leute an, sowohl an der Tank-, als auch an der Raststätte. Als Christian Georg in der Ferne wie ein Heinzelmännchen gestikulieren sieht, erkennt er die Lage sofort: Georg hat jemanden am Haken, oder besser: Georg hat jemanden mit Haken.

Es sind zwei Georgier, die je ein Auto von Deutschland in ihre Heimat überführen wollen. Leider landen wir am Haken desjenigen, der kaum mehr als die Worte Kollege, Erdgas und Money versteht. Lust zu fahren hat er auch keine. Nachdem wir die festgerostete Anhängerkupplung freigelegt haben, kann unseren kleinen Konvoi aber nichts mehr aufhalten.

Während unser „Fahrer“ friedlich schläft, trotz des offenen Fensters bei 100 km/h noch deutlich hörbar, bangen wir abwechselnd um den Schlangenlinien fahrenden Fahrer vor uns und die Tanknadel, die sich bedrohlich Richtung Null bewegt. Bei fast jeder Tankstelle stoppen wir: Die Fahrzeuge sind auf Erdgas umgerüstet – und das ist selten zu bekommen. Als der Tank fast leer ist und es noch 200 km bis zur nächsten geeigneten Tankstelle sind, ermittelt unsere Google-Recherche, dass wir zusätzlich mit Benzin fahren können. Aber auch von dieser Aufregung bekommt unser Georgier nicht viel mit. Nur selten wacht er auf, wenn wir gerade eine Mautstelle passieren und fragt uns verwirrt, ob er jetzt seinen Pass braucht.

Kurz vor der EU-Außengrenze zu Serbien forcieren wir einen Fahrerwechsel, der Georgier übernimmt. Wer weiß, was wir da exportieren… Die Grenzkontrolle ist unspektakulär, wir übernehmen das Dolmetschen von Serbisch/Englisch auf Hände/Füße, weil unser Fahrer komplett hilflos wirkt. Als wir den Grenzbeamten unsere Reisemethode vorstellen, lachen diese nur kopfschüttelnd. Sogar unsere über der Freimenge liegenden Alkoholika müssen wir nicht verzollen, die wir – anders als von unseren Fahrern empfohlen – nicht versteckt haben.

Es ist mittlerweile dunkel. Aus welchem Grund auch immer funktioniert die rückwärtige Beleuchtung des Anhängers nur noch auf einer Seite. Egal, merken wir, damit sind wir in Serbien in guter Gesellschaft. Wahrscheinlich liegt es an der Beschaffenheit der Straßen, an der man auch blind die Landesgrenze hätte feststellen können. Schließlich erreichen wir die Raststätte bei Belgrad und verabschieden uns erleichtert – endlich vorbei, das Babysitten.

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2 Kommentare

  1. Peter · Juni 19

    Ihr seid einfach GENIAL – Fliegerpeter

    Gefällt mir

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