Tag 31 & 32: Das Niš-Virus

Der Artikel über unser Reiseprojekt scheint der Raststätte bei Passau keinen Besucheransturm zu bescheren. Immer noch fahren alle Autos mit Passauer Kennzeichen von der Raststätte direkt ab – oder aber es ist die Polizei in Zivil. Man kennt sich mittlerweile, wir grüßen uns freundlich. Auch mit einigen Fahrlehrern sind wir bereits per Du. Leider will keiner der Fahrschüler das Fahren mit Anhänger üben.

Nachdem wir längst unseren Negativrekord im Warten auf deutschem Boden eingestellt haben, fragen wir uns, ob wir uns in Niš irgendetwas eingefangen haben. Verhindert ein aus Serbien eingeschlepptes Virus die Weiterfahrt? Hat sich unser Körpergeruch nach langer Zeit ohne Dusche in Wohnwagen, Kleidung und Hautporen derart festgesetzt, dass wir immer noch stinken? Ist unser Wohnwagen unbemerkt Opfer serbischer Sprayer geworden? Oder haben wir einfach unser Tramper-Mojo eingebüßt?

Woran es liegt wird wohl unbeantwortet bleiben, denn wir trauen uns nicht, mit der Frage „Stinke ich?“ nichtsahnende Autofahrer zu überfallen. Dieter jedenfalls, der uns schließlich mitnimmt, scheint nichts zu bemerken, oder der leckere Kaffeegeruch in seinem Auto überlagert unseren Duft einfach. Eine Raststätte geht es mit kurzem Zwischenstopp weiter. Unsere Hochrechnung ergibt, dass wir bei gegenwärtiger Geschwindigkeit Kassel bereits in 27 Tagen erreichen.

An der nächsten Raststätte ist echt wenig los. Auch am darauffolgenden Tag nimmt der Verkehr nur kaum zu. Eine große Überraschung allerdings hat sich für heute angekündigt, wir bekommen Besuch! Anne hat den weiten Weg aus Kassel auf sich genommen, um unserem Wohnwagen seinen süßen Zwillingsbruder vorbeizubringen. Wer sie auseinander halten kann, sei aufgefordert, den großen Bruder über unser Kontaktformular zu benennen. Wir wissen, dass es schwer ist, eine Schätzantwort ist ausreichend. Dem Sieger des Rätsels winkt ein Überraschungsgewinn!

Unser Strahlen über Annes Besuch zieht den goldigen Toni an. Der Edelmetallankäufer findet uns glänzend – und wir ihn. So heißt es nun Stehen ist Silber, Fahren ist Gold und Toni zieht uns an die nächste hochkarätige Raststätte auf halbem Weg nach Nürnberg. Sind wir das Niš-Virus endgültig losgeworden? Wir vermuten, dass die heimische Luft Wohnwagen und Körper geheilt hat. Die nächsten Tage werden zeigen, ob das so ist.

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Tag 28 – 30: Ich möchte ein Spiel spielen …

Als wir morgens irgendwann aus den Federn steigen, ist es gar nicht mehr so früh. Die Abreise der Wochenend-Urlauber ist in vollem Gange. Auch auf die Gefahr hin, bis zum nächsten Wochenende hier warten zu müssen, wollen wir uns natürlich gebührend verabschieden: Es war großartig!

Erst um halb zwölf sitzen wir an der Ausfahrt des Campingplatzes. Der Durchsatz ist leider ein ganz anderer als auf Autobahnraststätten… Die Aussicht auf leckere Würstchen von Günter, für den Fall, dass wir lange hier stehen sollten, erhält unsere Motivation. Günters Würstchen bringen uns schließlich auch weiter: Hans hält für uns an, er hatte uns bereits zu Beginn des Wochenendes am Würstelstand bemerkt. Ein großer Bruder unseres Wohnwagens mit eigenem Motor schleppt uns ab. Aus seinem Bauch werden wir mit dem ersten Bier des Tages versorgt. Schnell sind wir wieder auf der Autobahn, die Ruhe des Campingplatzes hatte auch schon angefangen, auf unseren Ohren zu drücken.

Dann läuft es wieder, bald schon kommen wir mit Julius weiter. Er nimmt einen Umweg in Kauf und setzt uns am Abend bei Passau ab, Deutschland hat uns wieder!

Im Land der Dichter und Denker wählen wir den akademischen Ansatz und lesen sämtliche wissenschaftliche Literatur zum Thema Hitchhiking. Unsere Recherche ergibt mit einer Ausnahme wenig Überraschendes. Weil wir unsere Brüste nicht vergrößern können, pflückt Georg Blumen. Die sollen gerade bei weiblichen Fahrern die Wahrscheinlichkeit mitgenommen zu werden deutlich steigern.

Es hilft nichts. Und in der Wärme sind die Blumen schnell welk. Wir lesen nochmal genau nach: Frische Blumen waren es in der Studie. Damit es nicht langweilig wird, fangen wir an, ein Spiel zu spielen. Wir nennen es „Wer hat den kleinsten … Entropie-Wert“. Im Kern geht es darum, bei vorbeifahrenden Autos die Wahrscheinlichkeit für eine Anhängerkupplung möglichst gut zu schätzen. Die Live-Auswertung des Spiels erfordert unsere Konzentration allerdings derart, dass wir wohl nie einen Sieger ermitteln werden – oder hier nie wegkommen. Ohne Mitfahrgelegenheit geht dieser Tag zu Ende. Allerdings: Nach Serbien ist ein Tag Warten nichts!

Am nächsten Tag weint der Himmel für uns. Was unsere Chancen nicht erhöht, denn bei Regen hält keiner. Als wir doch einmal angesprochen werden, ist es ein Journalist der Neuen Passauer Presse. Olli hat einen Tipp bekommen, dass wir hier stehen. Unsere Geschichte gefällt ihm, morgen wird sie dann hoffentlich auch den Passauern gefallen. Einziger Dämpfer: Olli hat keine Anhängerkupplung.

Tag 24 – 27: Urlaub vom Urlaub

Nach zwei ereignisarmen Tagen mit österreichischem Mietwagen stehen wir morgens an einer Raststätte bei Wien. Fast sind wir traurig darüber, wie reibungslos alles funktioniert, seit wir Serbien verlassen haben. Sogar der Import zweier biologischer Waffen in die EU gelingt, und erst in Österreich entschärfen wir sie durch die längst überfällige Dusche.

Da endlich wieder auf deutschsprachigem Boden, folgen wir zunächst dem Ruf der Wurst. Dieser schallt vom Campingplatz Lichtenfels zu uns herüber, denn dort hat Günter, den wir vor zwei Wochen mit seinem Truck kennenlernten, einen Würstelstand. Wir freuen uns zum ersten Mal seit über 10 Tagen unser Schild neu zu beschriften.

Der Kontrast zu Serbien könnte nicht größer sein. In der ersten halben Stunde hier sprechen uns bereits ein Dutzend Leute an – bei Niš hätte dies eine halbe Woche Hinsiechen erfordert. Kurz drauf hängt uns Franz an und zieht uns bis nach Krems an der Donau. Die winzige Tankstelle dort wirkt als Trigger für unser Niš-Trauma und löst heftige Schweißproduktion, Katatonie und fettige Haare aus. Aller Panik zum Trotze geht es schon wenig später mit Monica weiter – direkt zum Campingplatz!

Dort ziehen wir – per Hand – in einer Szene voller Dramatik und Spannung ein. Buchstäblich, denn am Berg (ein 2m hoher Hügel mit 5% Steigung) wird für uns jeder kleine Hubbel zur Herausforderung. Auf dem Gipfel erreichen wir Günters Imbissbude und erfahren eine fulminante Begrüßung – hier waren wir wohl schon vor unserer Ankunft Stoff von Sagen und Legenden.

Ohne Umschweife werden wir eingeladen uns durch die gesamte Wurstpalette zu probieren. So beginnt der Abend mit Käsekrainer und Jägermeister, endet aber noch lange nicht mit Berner Würstel und Tequila Rose Strawberry. Bei Lagerfeuer und Gitarre kommt endlich unser an vielen einsamen Raststätten einstudiertes Lieder-Repertoire zum Tragen. Der Kreis ums Lagerfeuer wächst immer weiter, als noch Hans mit seiner Trommel dazustößt.

Damit wir den Rest des Campingplatzes so nicht komplett um den Schlaf bringen, wandern wir mit Manuel, Tamara und Lisa herunter zum See, die auch noch nicht genug vom Singen haben. Ein Bad später, nicht das erste Bad der torkelnden Tamara an diesem Abend, bei dem sich herausstellt, dass in Österreich Nachtschwimmen phonetisch Nacktschwimmen gleicht, warten wir zitternd auf den Sonnenaufgang.

Da dieser auch nicht die gewünschte Wärme bringt und der Wein längst leergetrunken ist, spielen wir anschließend noch bis 9 Uhr morgens Volleyball, bevor alle wie tot ins Bett fallen.

Folglich ist der nächste Tag reichlich verpennt. Später lernen wir den Dauercamper Peppi kennen, der uns zunächst harmlos auf ein Getränk einlädt. Wer würde da Nein sagen? Runde um Runde serviert Peppi Schnaps um Schnaps. Immer wieder versucht Georg, der heute bisher nur ein Müsli gegessen hat, ein Getränk ohne Alkohol zu ergattern – vergebens. Peppis Tanz um den Wohnwagen, bei dem er stets neue Getränke mitbringt, erinnert uns in vielerlei Hinsicht an Dinner for One.

Diesen Abend treffen wir also bereits deutlich angeheitert am Lagerfeuer ein – ein wunderbarer Ausklang, denn morgen ist Schluss mit Urlaub, es soll weitergehen.

Tag 19 – 23: No, we Caravan’t

Mittlerweile fühlt sich die Raststätte bei Niš wie ein zweites Zuhause an. Um das auch so zu etablieren, richten wir uns nachhaltig darauf ein: Das Hitchhiker-Whiteboard, das wir zuvor umständlich alle paar Tage neu beschriften mussten, wird einfach mit Permanent-Marker beschrieben. Es wird wohl ohnehin noch einige Zeit das gleiche Ziel anzeigen.

Für heimelige Gemütlichkeit braucht es natürlich auch Haustiere. Die beiden Fliegen, die sich stets in unserem Wohnwagen aufhalten, werden Ernie und Bert getauft. Nur ein leicht mulmiges Gefühl haben wir, weil wir sie gestern für Zielübungen beim Gummiring-Schnippsen verwendet haben. Die beiden Guten.

Aber damit endet diese Folge von Pimp my Ride natürlich noch nicht. Nur aus Teilen, die wir schon an Bord hatten, entstehen Stativ und Rollleinwand für den Beamer. Dazu kommt noch ein neuer Mückenschutz und langen Kinonächten steht nichts mehr im Wege.

Die Suche nach Mitfahrgelegenheiten ist perfekt eingespielt. Bei gutem Wetter fläzen wir uns gemütlich draußen in die Sonne auf die Campingstühle, winken den Vorbeifahrenden und beobachten die ent- bis begeisterten Gesichtsausdrücke. Dazu ein paar (Hör-)Bücher und die Gitarre – so lässt es sich leben. Sobald es zu regnen beginnt, schlüpfen wir in den Wohnwagen, booten Windows und halten den Daumen nur noch durch das Fenster heraus. Abends werden kulinarisch stets neue Maßstäbe gesetzt. Zuletzt können wir bestätigen, dass sich auch auf einem Gaskocher mittels Doppeltopf-Technologie® eine vortreffliche Lasagne zubereiten lässt.

Dennoch fehlt bei alledem das Elementare. Es ist der sprichwörtliche Elefant im Caravan: Wir kommen nicht mehr voran. Jeden Tag kommen wir mit vielen Leuten ins Gespräch, einige halten uns für verrückt, aber die meisten freuen sich sehr über die Idee. Doch die Autos der Touristen sind bis in die letzte Ecke beladen und die Serben haben oft schon genügend andere Probleme. Und schließlich scheint auch das allgemeine Misstrauen immer weiter zuzunehmen, je weiter wir gen Osten gelangen.

Als gute Wissenschaftler können wir jedoch nicht auf Verdacht handeln, nein, wir brauchen Daten. Und ein buntes Diagramm. Letzteres illustriert schließlich unmissverständlich unser Problem.

tageskilometer2

Der Vergleich des BIP pro Kopf von Serbien und Bulgarien und die uns täglich verkündeten Vorurteile gegenüber Bulgarien lassen vermuten: Es wird wohl auch nicht besser. Nach knapp 2000 km Fahrt per Anhalter, 17 Mitfahrgelegenheiten, 3 Wochen und einem guten Drittel der Strecke bis nach Teheran müssen wir zugeben: No, we caravan’t.

Zumindest nicht bis in den Iran. Doch eine Lösung ist schnell parat: ein Mietwagen. Wir ziehen uns an den eigenen Haaren aus dem Sumpf – beziehungsweise am eigenen Haken aus Serbien. Und dann geht’s nach bewährtem Muster wieder zurück nach Hause. Direkt reservieren wir bei der einzigen Autovermietung im Umkreis, die Autos mit Anhängerkupplung führt, unsere Rettung.

Bei Abholung am nächsten Morgen noch einmal sicherheitshalber die Frage: Hat der Wagen auch wirklich eine Anhängerkupplung? Jaja. Kuka za vucu? (Der serbische Ausdruck für Anhängerkupplung gehört schon länger zu unserem aktiven Wortschatz.) Jaja. Wieviele Pole hat der Anschluss denn, 7 oder 13? … Das müsse man dann gleich am Auto sehen. Es kommt, wie es muss. Nema kuka za vucu. Natürlich gibt es keine Anhängerkupplung. Aber die verwunderte Nachfrage: Ach, wenn wir wirklich eine Anhängerkupplung bräuchten, warum hätten wir das denn nicht gleich gesagt? Wir fühlen uns darin bestätigt, dass in Serbien nichts funktioniert. Ein zufällig vorbeikommender serbischer Busfahrer bietet sofort seine Hilfe an. Leider laufen auch seine Vermittlungsbemühungen zum AMSS und anderen Autovermietungen ins Leere. In Serbien funktioniert vielleicht nichts, aber die Serben sind wirklich ein cooles Völkchen.

Also muss Christian ein Mietauto aus Wien holen. Zunächst geht es mit einer Mitfahrgelegenheit nach Belgrad. Diese taucht allerdings nicht wie vereinbart auf und ist auch telefonisch unerreichbar. Wir fühlen uns darin bestätigt, dass in Serbien nichts funktioniert. Erneut buchen wir eine Mitfahrgelegenheit. Die sammelt Christian an seinem Wunschort in Niš ein, die Fahrt mit zwei Serben und einer Filipina ist herrlich heiter. In Serbien funktioniert vielleicht nichts, aber die Serben sind wirklich ein cooles Völkchen.

Als Christian seinen Plan erwähnt, mit dem Zug nach Wien zu fahren, stellt sich heraus, dass der Hauptbahnhof in Belgrad gerade verlegt wird und totales Chaos herrscht. Wir fühlen uns darin bestätigt, dass in Serbien nichts funktioniert. Die Fahrgemeinschaft findet schließlich eine Lösung für das Problem: ein FlixBus. Praktischerweise wird der Busbahnhof gerade nicht verlegt. Eilig wird Christian dorthin chauffiert. Gerade rechtzeitig erreicht er den letzten Bus für heute, wo das Personal bereits Schokoriegel und Orangensaft verteilt. In Serbien funktioniert vielleicht nichts, aber die Serben sind wirklich ein cooles Völkchen.

Exkurs: Reich beschenkt

Als Anhalter scheint man stets hilfsbedürftig zu wirken. Vielleicht bestärkt in unserem Fall das offensichtlich fehlende Auto diesen Eindruck noch. Ob wir uns kein Auto hätten leisten können, ist eine nicht untypische Nachfrage.

Dieses ständige Mitleid ist aber kein Nachteil, ganz im Gegenteil sorgt es dafür, dass man weiter mitgenommen oder aber anderweitig versorgt wird. Und versorgt wurden wir exzellent – so mitleidsbedürftig wirkten wir:

2 Cheeseburger

2 riesige Schokoladenkekse

10 Euro für Eis

1 Glas Oliven, 1 Glas Schafskäse

1 WM-Fußball

9 Croissants, viel Kaffee & Tee

Speck, Wurst, Käse, Brot, Rotwein und Grappa

1 Anhänger-Maut Kroatien

1 Flasche Traubenschorle, 1 Wurstsemmel

3 Knackwürste

1 Sanifair-Gutschein

Türkischer Tee und Gebäck

1 Packung Salzstangen, 1 Packung Feuchttücher

2 kalte Biere

2 (ausgeschlagene) Angebote, unsere Urlaubskasse aufzufüllen

1 Melone, 4 Pfirsiche

2 Colas, 1 Packung Lebkuchen, 1 Packung Waffeln

2 Eistee, 2 Stücke Pizza

2 Limonaden

Merchandise-Mappe und -Tüte

1 Tüte Chips, 2 Packungen Erdnüsse

7 Packungen Traubenzucker

1 Limonade, 1 Kaffee

3 volle Mahlzeiten mit mehreren Gängen

1 serbisches Frühstück

1 riesiges Glas Honig

2 Räucherstäbchen

1 Glas Oliven, Ziegenkäse, 1 deutsches Brot, 1 Gurke

1 große Packung türkischer Kuchen

1 Kaffee

1 Kaffee, 1 Tee

1 Packung Wraps, 8 Gebäckstücke, 50 Chicken Wings

2 Hände voll Pflaumen

2 kühle Wasser

6 Flaschen Limonade, 1 Flasche Eistee, 1,5 Zitronen, 9 Gurken, 5 Packungen Käse, 1 Packung Knäckebrot, 1 Glas Oliven

Danke an die großzügigen Geber!

Tag 15 – 18: Das Leben ist ein Autohof

Strophe 1
Die Nacht in einem normalen Bett war ungewohnt ruhig. Obwohl uns gestern Abend das Rauschen der vorbeifahrenden Autos und das Wummern der Kühllaster-Generatoren schmerzlich beim Einschlafen gefehlt hat, haben wir uns gegen ein Youtube-Video mit Autobahngeräuschen entschieden und die herrliche Ruhe der Innenstadt genossen.

Die Innenstadt und weitere Sehenswürdigkeiten von Niš bekommen wir am nächsten Tag von Jana gezeigt. Hoffentlich ist der Schädelturm kein böses Vorzeichen. Nach Füßehochlegen und leckerem Essen heißt es Abschied zu nehmen. Von Jana und ihrem Bett. Es geht wieder auf die Autobahn!

Refrain
Leider gelingt es uns nicht mehr weiterzukommen. Wir stellen fest: Schon eine halbe Stunde ist hier kein Auto mehr vorbeigekommen. Und jetzt fängt es auch noch an zu regnen. Um diesem zu entkommen, ziehen wir uns in den Wohnwagen zurück und halten den Daumen aus dem geöffneten Fenster.

Strophe 2
Die serbische Eko Pumpa-Tankstelle hat viel zu bieten, darunter eine nicht abschließbare Toilette, keine Dusche und ein verfallenes Klohäuschen. Wenn wir länger hier sein sollten, könnten wir dieses zum richtigen Haus ausbauen. Architektin Jana würde uns bestimmt helfen. Der Plan steht.

Wir haben wirklich viel Zeit, im Mittel passieren hier nur zwischen 10 und 20 Autos jede Stunde. Während Christian seine Homepage neu gestaltet, liest Georg Abschlussarbeiten Korrektur.

Refrain
Leider gelingt es uns nicht mehr weiterzukommen. Wir stellen fest: Schon eine halbe Stunde ist hier kein Auto mehr vorbeigekommen. Und jetzt fängt es auch noch an zu regnen. Um diesem zu entkommen, ziehen wir uns in den Wohnwagen zurück und halten den Daumen aus dem geöffneten Fenster.

Strophe 3
Heute haben wir viel vor. Während Georg den Nintendo-64-Emulator herunterlädt, informiert sich Christian darüber, wie man feindliche WLAN-Verbindungen stören kann – also die der zahlenden Kunden des Tankstellen-Restaurants. Deauthentifizierung ist das Stichwort. Rein theoretisch natürlich.

Der Emulator funktioniert super, ebenso die Bluetooth-Controller. Nur das WLAN haben wir nicht exklusiv. Mit einer Sekunde Verzögerung ist das Spielen von Mario Kart über unseren Mini-Beamer ganz ordentlich möglich, nur Smash Brothers erscheint mit genanntem Handicap sehr zufällig.

Weil heute Deutschland spielt, nehmen wir uns eine Auszeit vom Daumenraushalten. Unglücklicherweise verbringen wir die erste Halbzeit mit der Suche nach einem funktionierenden Livestream. Die deutsche Mannschaft spielt genau so ruckelig wie unser dubioser Gratis-Stream. Ihre Leistung kommt uns spanisch vor, auch wenn der Stream auf Serbisch übertragen wird.

Refrain
(siehe oben)

Strophe 4
Heute auf dem Programm: eine LAN-Party. Was gibt es klassischeres als Warcraft III Tower Defense? Unser perfektionistischer Anspruch gipfelt in ungefähr 200 Versuchen, bis wir das Spiel schaffen, ohne ein einziges Leben zu verlieren. Gegen 20 Uhr ist unser Jubel groß! Auf Schwierigkeitsstufe „einfach“ haben wir es geschafft! Die Beschäftigung für die nächsten Tage ist also gesichert. Was wir wohl ohne unseren Generator tun würden?

3x Refrain

Tag 13 & 14: Die Avantgarde eines neuen Zeitalters

Der neue Tag beginnt schon viel freundlicher. Nach einem ausgiebigen Frühstück geht es wieder motiviert ans Werk. Das gestaltet sich aber zunächst recht frustrierend und gipfelt darin, dass wir das erste Mal mit Bettlern verwechselt werden – die angebotenen 50 Cent lehnen wir ab. Immerhin laden uns die Leute vom serbischen ADAC von gestern zur gemütlichen Mittagspause ein.

Dann hält Dejan für uns an. Zwar ist sein Elektroanschluss defekt und seine Polster voller Zement, aber wir sind natürlich dabei. Bedenken bekommen wir beim nicht funktionierenden Tacho. Sowie Tank- und Temperaturanzeige. Naja, letzteres Problem lösen wir einfach durch regelmäßiges Anhalten und Motorkühlen. Dejan liest noch seine Bekannte Jana auf und bietet an, uns zunächst zu seiner Pension im kleinen Bergdorf Rtanj zu bringen, bevor es dann morgen weiter nach Niš geht. Das klingt doch nicht schlecht!

Dort angekommen begrüßt uns Pavel, das spirituelle Zentrum des Dorfes. Wir und unsere Reisemethode seien die Avantgarde eines neuen Zeitalters, die zwei Zeugen des Umbruchs, die neue, bessere Menschenrasse. Bald sitzen alle zusammen bei selbstgebranntem Schnaps. Pavel legt die Tarotkarten und wir erfahren unsere Zukunft. So wird Georgs große Liebe weltlich, materialistisch aber ohne tiefen Verstand des Universums, sprich mit großen Brüsten und kleinem Hirn. Christians Lebenssinn wiederum liegt in der Dreifaltigkeit von Wissensdrang, wahrem Reichtum und Vorbereitung auf den Tod. Im Raum ist dagegen eher die Dreifaltigkeit von Rauch, Raki und Rotwein zu spüren. Die Luft ist mittlerweile so durchsichtig wie die Vorhersagen. Selbst Jana, ausgewiesene Nichtraucherin, hat gerade eine ganze Packung Zigaretten vernichtet. Sie steht in ihrem Leben an einem Scheideweg und ersucht das Tarot-Orakel um Rat für diese richtungsweisende Entscheidung. Die Karten raten ihr die Rückkehr nach Montenegro zu ihrem aufbrausenden Exfreund.

Am nächsten Morgen werden wir nicht weniger gut versorgt als am Tag zuvor. Das Frühstück ist reichlich und frisch. Der hoffnungslos überfressene Georg erkundigt sich naiverweise nach den Zutaten für eben verspeisten Auflauf und bekommt trotz lauten Protests zwei weitere Portionen vorgesetzt. Da muss er jetzt wohl durch. Beim Mittagessen wird sich zeigen, dass er nichts aus seinem Fehler gelernt hat.

Für die Weiterfahrt füllen wir unsere Kanister an der Quelle mit dem besten Wasser der Region auf und laben uns spirituell an einer Energiequelle. Auf dem Weg dahin lernen wir die 4-jährige Angela kennen, deren beide Eltern sie verlassen haben. Ihre neue Familie ist jetzt die Dorfgemeinschaft.

Der Abschied ist sehr herzlich und wir wünschen uns, hier noch einmal vorbeizukommen. Für Abschiedstränen sind wir nicht genügend hydriert, da die Kombination aus kurvenreicher und dynamischer Fahrt uns den Angstschweiß auf die Stirn treibt. Dejans erfreuter Ausruf über ein entgegenkommendes Auto in einer engen Kurve – „Ha, I scared the shit out of him!“ – bestätigt uns zumindest, dass wir den Wohnwagen noch nicht verloren haben. An einer Tankstelle in Niš finden wir unsere Polaroid-Kamera noch auf Dejans Autodach liegend. Physikalisch ist das nicht zu erklären, vielleicht sind wir tatsächlich die Vorboten einer neuen Zeit.

Nachdem der Wohnanhänger auf einer Tankstelle hinter Niš abgestellt ist, lassen wir den Abend bei Bier, serbischen Würsten und Zigaretten mit Nichtraucherin Jana ausklingen. Nach einer ausführlichen Diskussion ihrer Zukunftsoptionen, die ein thailändisches Bordell, Rasierklingen und Pingpongbälle einschließen, folgen wir Janas Einladung und werden erneut Zeuge serbischer Gastfreundschaft.